Weniger ist nicht immer mehr

Weniger ist nicht immer mehr

“Wir wissen, wer wir sind, wenn wir betrachten, was wir besitzen”, so sagte Jean-Paul Sartre einst. Mittlerweile besitzt eine in Europa lebende Person durchschnittlich um die 10.000 Gegenstände. Geht man nach Sartre, ist es etwas unübersichtlich geworden, da noch zu wissen, wer man ist. Kein Wunder also, dass sich schon länger ein Trend in unserer hochkapitalistischen Gesellschaft abzeichnet, der darauf abzielt, den eigenen Konsum zu reduzieren: der Minimalismus.

Beim Minimalismus geht es um eine bewusste Beschränkung auf das, was wirklich nötig ist, einen Fokus auf das Wesentliche, eine Zufriedenheit mit den Dingen, die man bereits besitzt. Das Loslassen von Überflüssigem soll Leichtigkeit und Ordnung bringen - sowohl im Kopf als auch Zuhause. Auch aus Nachhaltigkeitsgründen macht eine minimalistische Haltung Sinn, nichts zu kaufen ist schließlich stets die umweltfreundlichste Entscheidung.

Doch wie so vieles wurde auch der Minimalismus mit seinen eigentlich sinnvollen Prinzipien vom Kapitalismus ad absurdum geführt. Moderne Minimalist*innen missbrauchen die Philosophie gerne zu Zwecken der Selbstinszenierung, wenn nicht gar zur Konstruktion eines moralischen Überlegenheitsgefühls gegenüber denjenigen, die immer noch gedankenlos konsumieren.
Dabei werden die eigentlichen Probleme des Konsums gar nicht hinterfragt. Paradoxerweise kann der minimalistische Lebensstil in seiner aktuell populären Form nämlich nur durch eine gewisse finanzielle Sicherheit ausgelebt werden. Nur Menschen, die viel Zeit und Geld haben, können sich von den Dingen trennen, die ihnen keine Freude mehr bereiten - um dann in Dinge zu investieren, die gewissen Qualitätsstandards entsprechen und ins ästhetische Konzept der in Sandfarben reduziert eingerichteten Altbauwohnung passen.

Wenn man genug Zeit investiert hat, um auszumisten, aufzuräumen und neue Anschaffungen zu machen, kann man weiter Zeit investieren, um die neuen Anschaffungen zu pflegen, sich über minimalistische Alltagstechniken zu informieren und fehlende Dinge zu leihen, zu tauschen oder gar selbst herzustellen.1

Um sich von überschüssigem Besitz freisprechen zu können, greifen viele selbst erklärte Minimalist*innen auf Sharing-, Streaming- oder Leasing-Dienste zurück und “erhalten ihren Lebensstil nur aufgrund von monströsen Logistiksystemen, die solche Besorgungen und Dienstleistungen auf Tastendruck (meist ausgeführt von Arbeitern im Niedriglohnsektor) überhaupt erst möglich machen – von den dazugehörigen verpflichtenden Abos mit monatlichen, meist saftigen Gebühren mal ganz zu schweigen.”2

Nicht umsonst wird mittlerweile zwischen echtem Minimalismus und einem minimalistischen Konsumstil unterschieden. Im Gegensatz zu echten Minimalist*innen verzichtet man nicht generell darauf, zu konsumieren; stattdessen verschiebt sich lediglich, wofür man sein Geld ausgibt.

"It’s all about spending an incredible amount of time and attention to look as if you hadn’t thought about it at all.”

Chelsea Fagan, The Guardian


Mit dem Gegensatzpaar, das Erich Fromm Mitte der 1970er Jahre mit seinem Buch “Haben oder Sein” aufgestellt hat, hat die neue Form des Minimalismus demnach wenig zu tun. Fromm zufolge führt der viele Besitz, mit dem sich der moderne Mensch umgibt, zu einem Habitus des Habens, in dem sich das ganze Dasein um diesen Besitz dreht. Man arbeitet, um noch mehr Dinge anzuschaffen, und in der wenigen freien Zeit, die man hat, kümmert man sich darum, diese Dinge zu in Stand zu halten. Im Habitus des Seins hingegen sei Zeit für Empfindungen, eigene Gedanken und (innere) Ruhe - der durch den Minimalismus angestrebte Idealzustand also, der durch ein reines Umlagern der Formen des Konsums nicht generiert wird. Oder, wie es Chelsea Fagan in einer Glosse im The Guardian zusammenfasst: “It’s all about spending an incredible amount of time and attention to look as if you hadn’t thought about it at all.” (“Es geht darum, unglaublich viel Zeit und Aufmerksamkeit zu investieren, um so auszusehen, als hätte man überhaupt nicht darüber nachgedacht.”)3

Es bleibt Fakt, dass einkommensschwache Haushalte weniger Müll, weniger CO2, weniger Aussortiertes produzieren. Weil sie das, was sie bereits haben, länger nutzen (müssen). Weil sie wirklich weniger kaufen (können). Um abschließend nochmal Fagan zu zitieren: "[Minimalism] is a great way to get all the gold coins of poverty without ever having to be one of those nasty poor people." ("[Minimalismus] ist ein großartiger Weg, um alle Goldmünzen der Armut zu bekommen, ohne jemals einer dieser unangenehmen Armen sein zu müssen.”)4

 

Text: Kathrin Weins
Illustration: © Tanya Teibtner